Ein weiterer Mittwochabend. Eine weitere langweilige Feier. Ich hatte nicht viel Ahnung von Partys, denn ich hatte in meinem Leben noch nicht allzu viele besucht. Ich besaß weder genug Geld noch genügend Zeit. Und auch an Freunden mangelte es mir. Was trauriger klang, als es tatsächlich war, schließlich war es meine Entscheidung, ein Einzelgänger zu sein. Nichtsdestotrotz wusste ich, dass Spaß anders aussah. Seit zwei Stunden lief ich mit einem Tablett durch das Haus der Owens und servierte Häppchen und Champagner an die Mayfielder High Society, deren Gesprächsthemen zwischen Wirtschaftskongress und Talkshow-Niveau schwankten.

»Hast du es schon gehört?«, sagte eine Frau, die nur einige Schritte von mir entfernt stand. Sie trug eine goldene Kette um ihren Hals, die etwa den gleichen gelben Farbton besaß wie ihre blondierten Haare. »Michaella hat ihren Studienplatz in Yale aufgegeben, um hier zu studieren.«

Ah, dieses Thema schon wieder. Die Schlaftabletten, welche dieses Bankett veranstalteten, waren Mrs und Mr Owens, irgendwelche hoch angesehenen Firmenanwälte. Und ihre Tochter Michaella hatte beschlossen, zum schwarzen Schaf der Familie zu werden, indem sie keine Elite-Uni besuchte. Skandal! Sie war heute Abend auch hier, aber bisher hatte ich sie nur aus der Ferne gesehen, da sie noch nicht in meinen Bereich gekommen war. Leider. Denn nach allem, was ich gehört hatte, war sie wohl die am wenigsten langweilige Person des heutigen Abends.

»Nein, wieso?«, fragte der Mann, der dem Lästermaul gegenüberstand. »Ist sie schwanger?«

Die Frau nippte an ihrem Champagnerglas und leerte es damit. Suchend sah sie sich um und fing meinen Blick auf. Statt etwas zu sagen, lockte sie mich mit einer Fingerbewegung zu sich, als wäre ich ein dressierter Hund. »Angeblich nicht. Sie möchte nur bei ihrer Familie bleiben.«

»Aber ihren Bruder hat sie nicht nach Europa begleiten wollen.«

Die Frau zuckte mit den Schultern und stellte ihr Glas auf meinem Tablett ab. »In neun Monaten werden wir es erfahren – sofern sie es sich nicht wegmachen lässt.«

Ich verdrehte die Augen, ohne dass es jemand bemerkte, und rief mir in Erinnerung, weshalb ich hier war. Wegen des Geldes. Leben war teuer, vor allem mit Schulden und wenn man niemanden hatte, der einem unter die Arme griff. Doch ich musste nur noch ein paar Jahre durchhalten. Immerhin hatte ich endlich die Zusage für mein Traumstudium bekommen. Und sobald ich meinen Abschluss in der Tasche hatte, konnte ich endlich richtig Geld verdienen, anstatt mich mit billigen Nebenjobs über Wasser zu halten.

Ich sammelte weitere leere Gläser ein, bis keine mehr auf mein Tablett passten, und machte mich anschließend auf den Weg in die Küche, um sie wegzuräumen. Vielleicht würde ich mir auch eine kleine Pause gönnen. Ich stieß die Tür zur Küche auf – und erstarrte.

Nur ein paar Schritte von mir entfernt stand Michaella Owens auf dem Küchentresen. Ihr figurbetontes schwarzes Kleid, war nach oben gerutscht, was nicht nur ihre Oberschenkel entblößte, sondern auch die rote Spitzenunterwäsche, die sie darunter trug und die nicht allzu viel verdeckte.

Ich schluckte schwer und hatte plötzlich Mühe, das Tablett in meiner Hand weiterhin gerade zu halten.

»Gefällt dir die Aussicht?«, fragte sie neckisch. Sie hatte nicht nur eine tolle Figur, sondern war auch wirklich hübsch, wie ich nun erkannte. Sie hatte volle Lippen und große dunkelbraune Augen. Sommersprossen verteilten sich wie Farbspritzer auf ihrer Nase, und ihr kurz geschnittener Pony verlieh ihr ein freches Aussehen, das mir gefiel. Sehr gut sogar.

Sie wirkte weder schockiert noch schüchtern, und vielleicht war das der Grund, weshalb ich ihren Hintern noch eine Sekunde länger fixierte, ehe ich den Blick hob und mit den Schultern zuckte. »Schwarze Wäsche hätte mir besser gefallen, wenn ich ehrlich sein soll, aber rot ist auch in Ordnung.«

Sie starrte mich regungslos an, und kurz fragte ich mich, ob ich vielleicht das Falsche gesagt hatte. Aber sie begann nicht, mich zu beschimpfen, was ich als gutes Zeichen wertete.

Geschickt sprang sie schließlich von der Anrichte und zog sich ihr Kleid über die Oberschenkel, ohne mich dabei aus den Augen zu lassen.

»Schwarz ist langweilig«, sagte sie plötzlich.

Ich unterdrückte ein Schmunzeln. »Schwarz ist elegant.«

Sie neigte den Kopf. »Ist deine Unterwäsche schwarz?«

Nun musste ich doch lächeln. Ich hatte mich nicht geirrt. Sie war tatsächlich die interessanteste Person auf dieser Party, und vielleicht würde dieser Abend dank ihr doch noch erträglich werden. Langsam stellte ich mein Tablett ab. »Wer sagt, dass ich überhaupt welche trage?«

Ihr rechter Mundwinkel zuckte. »Dir ist klar, dass du hier Essen servierst, oder?«

»Aber das tue ich mit meinen Händen und nicht mit meinem …« Ich unterbrach mich und presste die Lippen aufeinander. Okay, vielleicht sollte ich nicht unbedingt mit ihr über das sprechen, was sich zwischen meinen Beinen befand. Ich räusperte mich. »Was machst du überhaupt hier? Suchst du etwas?« Ich deutete auf den offen stehenden Schrank, vor dem sie gerade noch gestanden hatte.

»Essen.«

Ich machte eine Geste, die den ganzen Raum umfasste. »Davon haben wir jede Menge.«

Sie schnaubte. »Das sehe ich, aber habt ihr auch etwas ohne Kaviar, Hummer oder andere tote Tiere?«

Ich überlegte kurz, ehe ich den Kopf schüttelte. »Ich fürchte nicht.«

»Verdammt.« Sie stöhnte genervt auf und lehnte sich gegen die Anrichte. Die Arme schlang sie um ihre Mitte, wie um das Knurren zu dämpfen, das ihr Magen von sich gab. Ich hätte mich umdrehen und gehen können, aber das wollte ich nicht.

»Vielleicht kann ich dir helfen«, erklärte ich und lief zu der Vorratskammer, in der meine Kollegen und ich unsere Sachen gestapelt hatten. Es dauerte einen Moment, bis ich meine Tasche fand. Daraus zog ich das Sandwich hervor, das ich am Mittag für mich eingepackt hatte, da es uns verboten war, von den Häppchen zu essen, bis die Party vorüber und alle Gäste versorgt waren. Mit dem belegten Brot in der Hand lief ich zu Michaella. Mir fiel sofort auf, wie gut sie roch; nach süßem Honig.

Ich reichte ihr das Sandwich, und sie griff umgehend danach. »Danke, du hast was gut bei mir.«

»Ich nehme gern Trinkgeld.«

»Sollst du bekommen.« Sie packte das Brot aus und betrachtete es kurz, ehe sie einen Bissen nahm – und aufstöhnte. Ein tiefer, kehliger Laut. Heilige Scheiße. Vermutlich würde ich diesen Klang nicht so schnell wieder vergessen. Und unweigerlich wanderte mein Blick erneut ihren Körper hinab, über ihre Brüste bis zu ihrem Schoß, der nun wieder von schwarzem Stoff bedeckt wurde.

»Wie heißt du?«, fragte Michaella mit vollem Mund. »In meinem Kopf nenne ich dich die ganze Zeit ›der Kellner‹.«

Wenn es nur das ist. »Leute haben mich schon Schlimmeres genannt.«

Das ließ Michaella kurz innehalten, und ich konnte Interesse in ihrem Blick aufflackern sehen. Sie wollte eine Erklärung hören, aber die würde sie nicht bekommen. Wenn es möglich war, dachte ich lieber nicht über all die Dinge nach, die mir in meinem Leben schon an den Kopf geworfen worden waren.

»Jetzt sag schon«, drängte Michaella.

Ich stutzte kurz. Unsicher, ob sie auf eine Erklärung oder auf meinen Namen drängte. »Julian«

Ein Lächeln trat auf ihr Gesicht. Und das brachte nicht nur sie, sondern den ganzen Raum zum Strahlen. Sie stemmte sich auf die Anrichte hoch, um sich hinzusetzen. Ihre nackten Füße mit den lackierten Nägeln baumelten in der Luft. »Ich bin Micah.«

»Ich weiß, wer du bist. Michaella Rosalie Owens.«

»Klingt irgendwie gruselig, wenn du das so sagst. Wie ein Stalker.«

»Kein Stalker. Nur ein Kellner mit gutem Gehör. Die Leute reden über dich.«

Neugierig schürzte sie die Lippen. »Und was sagen sie?«

»Dies und das. Vor allem spekulieren sie darüber, wieso du nicht nach Yale gehst. Sie vermuten, dass du schwanger bist, wie damals die kleine Lilly Sullivan. Und wahrscheinlich ist der Sohn eurer Haushälterin der Vater, mit dem du bereits vor einer Weile eine Affäre hattest.«

Micah verdrehte die Augen und biss in mein Sandwich. Sie kaute langsam, wobei der Ausdruck des Entzückens, den sie zuvor getragen hatte, langsam aus ihrem Gesicht wich.

»Schmeckt dir das Sandwich nicht?«, fragte ich.

Sie sah mich an. »Doch. Es ist gut. Wieso?«

»Weil du gerade das Gesicht verzogen hast, als würde man dich zwingen, Dreck zu essen.«

»Oh, sorry, das war nicht wegen des Sandwiches.« Als sie nun lächelte, wirkte es eigenartig steif. Vielleicht war an den Gerüchten doch etwas dran? »Wo habt ihr den Champagner versteckt?«

Okay. Schwanger war sie schon mal nicht.

Ich hob den Deckel einer Styroporkiste an. Der Inhalt war so runtergekühlt, dass Dampfschwaden in den Raum aufstiegen. Bevor ich angefangen hatte für das Catering zu arbeiten, hatte ich noch nie eine Flasche mit Korken geöffnet – bisher hatte das Geld nur für billigen Wein mit Schraubverschluss gereicht –, aber inzwischen hatte ich den Dreh raus. Mit einem Knall öffnete ich eine der Flaschen, wobei ich mir Micahs musternden Blickes nur allzu bewusst war. Ich versuchte sie jedoch zu ignorieren, so wie ich es immer tat, wenn mir Aufmerksamkeit zuteilwurde. Stattdessen goss ich ihr ein Glas Champagner ein und reichte es ihr.

»Danke«, sagte Micah.

»Ich mache nur meinen Job.«

»Nimm dir auch ein Glas«, forderte sie. »Lass uns anstoßen.«

Ich schüttelte den Kopf. »Das darf ich nicht.«

Sie runzelte die Stirn. »Komm schon. Nur ein Glas«, bat sie und stupste mich vorsichtig mit ihrem Fuß an. »Ich dürfte eigentlich auch noch nichts trinken.«

Darum ging es ihr? Sie dachte, ich wäre noch keine einundzwanzig? Ich schmunzelte. »Ich rede nicht von meinem Alter, sondern davon, dass ich gerade arbeite.«

»Für meine Eltern.«

Genau genommen arbeitete ich für meinen Boss, aber ich korrigierte sie nicht, denn letztlich lief es auf dasselbe hinaus. »Das ändert nichts.«

»Bitte.« Sie schob ihre Unterlippe nach vorn. Vermutlich sollte das niedlich wirken, aber es hatte auf mich absolut keine niedliche Wirkung. Ich wollte mich vorbeugen und ihre Lippe zwischen meinen gefangen nehmen. Was war nur los mit mir? »Alleine trinken macht keinen Spaß.«

Ich zögerte. Denn ich sollte das nicht tun. Wenn mich jemand erwischte, war ich vermutlich meinen Job los. Es war uns strengstens verboten, auf der Arbeit zu trinken. Und dennoch brachte ich es nicht über mich, Micah ihren Wunsch zu verwehren. Normalerweise hatte ich mich gut unter Kontrolle, aber sie hatte diese eigenartige Wirkung auf mich, die mich unvernünftig werden ließ. Und ich erlaubte mir, dem nachzugeben. Nur heute. Nur für diesen Abend. Denn das tat ich sonst nie. Außerdem würde sie schon bald wieder aus meinem Leben verschwinden. Was war da schon ein Ausrutscher?

Ich griff mir eine Champagnerflöte und füllte sie, aber nicht ganz. »Ein halbes Glas muss reichen«, sagte ich, da ich eben doch nicht aus meiner übervorsichtigen Haut konnte. »Worauf wollen wir anstoßen?«

»Dass dieser Abend schnell vorbeigeht«, antwortete Micah. »Cheers.«

»Cheers«, echote ich und stieß mit meinem Glas gegen ihres, bevor ich einen Schluck nahm. Ich konnte das Prickeln noch in meiner Kehle spüren, als plötzlich mein Handy zu surren begann. Ich stellte mein Glas ab und nahm es aus der Hosentasche. Eigenartig. Es war mein Mitbewohner. Er rief mich sonst nie an.

Ich wandte Micah den Rücken zu. »Hey, was gibt’s?«

»Julian.« Maurice – oder Auri, wie ihn unsere gemeinsame Mitbewohnerin Cassie immer nannte – klang aufgebracht. »Dein Kater kackt uns die ganze Wohnung voll. Hier riecht es schlimmer als in der Umkleide meiner Mannschaft nach einem Spiel.«

Nicht schon wieder. Ich hatte Laurence erst seit einer Woche, und leider passierte das fast täglich, aber er konnte nichts dafür. Er war erst ein paar Wochen alt und ausgesetzt worden. Er hatte nie gelernt, wie diese Dinge funktionierten. »Dann nimm ihn und setz ihn aufs Klo.«

»Das geht nicht. Er sitzt unter der Couch und kackt dort alles voll«, sagte Maurice. Der Vorwurf in seiner Stimme war nicht zu überhören, als würden der Kater und ich das mit Absicht machen.

»Daran kann ich jetzt auch nichts ändern.«

»Ewww, es ist ganz flüssig. Das mach ich ganz sicher nicht weg.«

Ich seufzte. »Cassie soll es wegputzen.«

»Sie ist bei Lucian.«

Oh. Ohhh. Das erklärte Mauriceʼ schlechte Laune. »Dann lass es liegen, bis ich wieder zurück bin«, erklärte ich und räumte ein paar schmutzige Gläser, die meine Kollegen einfach herumstehen hatten lassen, zurück in die Styroporkisten.

»Und wie lang wird das noch dauern?«

»Zwei oder drei Stunden.«

»So lange noch?«

Ich stieß ein frustriertes Knurren aus und rieb mir die Nasenwurzel zwischen Daumen und Zeigefinger. Was glaubte Maurice, was ich tun sollte? Alles stehen und liegen lassen, nur um Laurenceʼ Häufchen wegzuräumen? Das würde mein Boss sicherlich nicht verstehen.

»Gut, ich verschwinde von hier«, sagte Maurice, als ich nichts antwortete. »Ich mach mal alle Türen zu. Und auf dem Heimweg geh ich Geruchsentferner und Raumspray kaufen, das ist ja nicht zum Aushalten.«

»Danke, bis dann.« Ich legte auf und packte mein Handy wieder weg, ehe ich mich Micah zuwandte. Die ganze Zeit über hatte ich ihre Blicke auf mir gespürt, und auch jetzt beobachtete sie mich noch immer neugierig.

»Wer war das?«

»Mein Mitbewohner.«

»Musst du gehen?«, fragte sie und klang dabei beinahe enttäuscht.

Ich schüttelte den Kopf. »Mein Kater hat unter die Couch gekackt. Mein Mitbewohner will es nicht wegputzen, aber auch nicht liegen lassen. Ich habe ihn erst seit einer Woche.«

»Den Kater oder den Mitbewohner?«

Ich lachte. »Den Kater.«

»Wie heißt er?«

»Laurence.«

Micah biss in mein Sandwich, ehe sie den Rest mir überließ. »Ich wollte immer eine Katze haben, aber meine Eltern haben es mir nie erlaubt.«

Ich nahm einen Bissen. »Wieso nicht?«

»Sie haben Angst vor Haaren auf ihren teuren Anzügen.«

»Wofür gibt es Fusselrollen?«

Sie zuckte mit den Schultern, und während ich mein Sandwich aufaß und wir unsere Gläser leerten, erzählte sie mir von dem Aquarium, das ihre Eltern ihr geschenkt hatten, als sie sieben Jahre alt war.

Am liebsten wäre ich mit Micah in der Küche geblieben. Aber meinen Kollegen war mein Verschwinden mit Gewissheit schon aufgefallen, und sie sollten mich nicht für einen Drückeberger halten.

Micah sprang von der Anrichte und schlüpfte in ihre Schuhe, dabei wirkte sie ebenso wenig erfreut darüber, zurück in den Salon zu müssen, wie ich. »Ich glaube, es wird Zeit, wieder da raus zu gehen«, sagte sie, aber rührte sich nicht von der Stelle.

»Wieso gehst du auf eine Party, auf die du keine Lust hast?«, erkundigte ich mich und räumte unsere Gläser weg.

»Weil ich keine andere Wahl habe.«

Fragend hob ich eine Augenbraue.

»Ich will ausziehen und bin gerade auf der Suche nach einer neuen Wohnung. Allerdings kann ich sie mir allein nicht leisten, deswegen habe ich eine Abmachung mit meinen Eltern getroffen. Sie bezahlen mir ein Apartment und das Studium, und ich muss dafür einmal die Woche bei ihnen zum Abendessen erscheinen und mich für eine angemessene Zeitspanne auf allen wichtigen sozialen Events blicken lassen.«

Micah klang genervt von diesem Handel, für den ich mein linkes Bein geopfert hätte. Aber vermutlich hatte sie noch keinen Tag in ihrem Leben Geldsorgen gehabt oder etwas Unangenehmes tun müssen, um an dieses zu kommen. »Klingt nach einem fairen Handel.«

»Ich weiß.« Sie seufzte. »Und warum bist du hier?«

»Ist das nicht offensichtlich?« Ich blickte an meiner Kellneruniform hinab. »Geld verdienen. Laurence ist vielleicht klein, aber er kostet ein Vermögen.« Es war keine Lüge, aber auch nicht ganz die Wahrheit.

»Wie viel bekommst du bezahlt?«

Ich überlegte kurz es ihr nicht zu verraten, aber wenn sie es darauf anlegte, könnte sie einfach ihre Mutter fragen, daher machte es keinen Sinn, zu schweigen oder zu lügen. »Fünfundsiebzig Dollar.«

»Pro Stunde?«

Ich lachte. Schön wär‘s. »Für den ganzen Abend.«

»Das ist aber nicht viel.«

Ich zuckte mit den Schultern, denn ich hatte schon in weitaus schlechter bezahlten Jobs gearbeitet. Im besten Fall fiel hier sogar noch ein bisschen Essen für mich ab, das ich Maurice und Cassie als Entschuldigung für die Kackolypse von Laurence mitbringen könnte. »Es ist mehr, als man anderswo verdient.«

»Das wusste ich nicht.« Nachdenklich runzelte Micah die Stirn, ehe sie mir einen Wink gab, ihr zu folgen, allerdings nicht zurück zur Party. »Komm mit.«

»Wohin?«

»Das wirst du schon sehen.«

Ich zögerte kurz, folgte ihr dann aber. Wir liefen einen langen Flur entlang, der am Salon vorbeiführte. Ich hörte die Stimmen der Gäste und die klassische Musik, die leise im Hintergrund spielte. Schließlich blieben wir vor einer geschlossenen Tür stehen. Micah öffnete sie, und dahinter kam eine Garderobe zum Vorschein, die voller Taschen und Mäntel hing. Micah begann die Haken abzusuchen, bis sie eine kleine Tasche fand, die so vollgestopft war, dass sie sich nicht mal mehr hatte schließen lassen.

»Halt mal.« Sie zog ein Notizbuch hervor und reichte es mir.

Ich nahm es an mich, wobei die Garderobentür, die ich bis eben festgehalten hatte, hinter mir ins Schloss fiel und mich zusammen mit Micah einsperrte. Das Licht in dem kleinen Raum war schummrig, und trotz des Geruchs nach teurem Leder, entging mir Micahs süßlicher Duft nicht. Er pflanzte mir eigenartige Fantasien in den Kopf, vor allem nun, da ich ihr so nahe war.

Eilig senkte ich den Blick auf das Buch in meiner Hand und schlug es auf. Darin waren Zeichnungen von magischen Kreaturen und Menschen, die nicht ganz menschlich waren. Mit Hörnern und Kiemen, Schwänzen und Krallen, Reißzähnen und zusätzlichen Gliedmaßen. Manche von ihnen wirkten schaurig, andere wiederum niedlich oder wunderschön.

»Was ist das?«, fragte ich neugierig.

Micah sah von mir zu ihrem Notizbuch und wieder zu mir. »Nur etwas, an dem ich arbeite.«

»Das sieht gut aus. Ist das ein Comic?«

»Vielleicht«, antwortete sie und wandte sich eilig ihrer Handtasche zu, als wäre es ihr unangenehm, über ihre Zeichnungen zu reden, was ich nicht verstehen konnte. Sie hatte wirklich Talent. Gelegentlich zeichnete ich auch, aber nichts von dem, was ich je zu Papier gebracht hatte, war annähernd so gut wie das, was ich in diesem Notizbuch sah.

»Hier«, hörte ich Micah sagen.

Ich blickte von ihren Zeichnungen auf, und beinahe wären mir die Augen aus dem Kopf gefallen. Sie hielt keine einzelne Fünf-Dollar-Note in der Hand, wie ich erwartet hatte, sondern gleich mehrere Zehner und Zwanziger. »Das ist zu viel.«

»Ist es nicht«, beteuerte sie. »Nimm es.«

Ich schüttelte den Kopf. »Das geht nicht.«

»Wieso nicht?«, fragte Micah verständnislos.

Beinahe hätte ich gelacht. Ich konnte mir doch nicht einfach so viel Geld von ihr schenken lassen. Trinkgeld war eine Sache, aber das … es war zu viel! Das konnte ich mit meinem Gewissen nicht vereinbaren. Immerhin hatte ich nur mein Sandwich mit ihr geteilt und ihr nicht meine Seele verkauft. Ich wollte das Geld gerade ablehnen, da fiel sie mir ins Wort.

»Und sag nicht, dass es zu viel ist.«

»Ich –«, setzte ich erneut an, doch in diesem Augenblick wurde die Tür zur Garderobe geöffnet, und ich erstarrte zum zweiten Mal an diesem Abend. Denn vor uns stand Micahs Mutter und ihr erzürnter Gesichtsausdruck ließ vermuten, dass wir beide gewaltig in der Scheiße saßen.