Schnell lief ich die Stufen zur Bibliothek hoch und rannte dabei beinahe zwei Studenten um, die gerade dabei waren, das Gebäude zu verlassen. Keine Zeit, mich zu entschuldigen, ich hatte es eilig. Dank meines Professors war ich bereits eine halbe Stunde zu spät dran – an meinem ersten Arbeitstag. Mr Strasse war zwar ziemlich cool, aber Unpünktlichkeit hasste er über alles. Das wusste jeder Student, der es auch nur einmal gewagt hatte, ausgeliehene Bücher zu spät zurückzugeben.

Hinter seinem Tisch an der Informationstheke blätterte er gerade durch einen Verlagskatalog. Er blickte auf, als er mich kommen hörte. Das dichte dunkle Haar, das er sorgfältig nach hinten gekämmt trug, stand im Kontrast zu seinem löchrigen Dreitagebart.

»Tut mir leid, dass ich zu spät bin«, entschuldigte ich mich ein wenig atemlos. »Professor Silver hat überzogen.«

Mr Strasse kräuselte missbilligend die Lippen. »Solange das nicht noch mal vorkommt.«

»Ich hoffe nicht«, erwiderte ich mit einem strahlenden Lächeln, und die grimmige Miene des Bibliothekars hellte sich auf. Als Student im Bereich Bibliotheks- und Informationsmanagement kannte er mich bereits seit dem ersten Semester, und schon früher hatte ich hin und wieder in der Bücherei ausgeholfen. Er wusste, dass auf mich Verlass war und vor allem, dass ich Bücher liebte.

»Dann kommen Sie mal mit«, sagte Mr Strasse und stand auf, seinen Schlüsselbund in der Hand.

Ich folgte ihm durch die Bibliothek in Richtung des Magazins und sog dabei den Anblick der alten Bücher und dunklen Regale in mich auf. Trotz der Klimaanlage lag der Duft von Staub und altem Papier in der Luft, den ich so sehr liebte. Neue Bücher rochen auch gut, aber auf eine andere Art und Weise.

»Ihre Kollegin, Sage Derting, ist bereits unten«, erklärte Mr Strasse, als wir die Treppen in den Kellern hinabstiegen.

Ich hatte schon von Sage gehört. April hatte mir in der Mittagspause zwischen zwei Vorlesungen erzählt, dass das Mädchen, das sie in der Bibliothek kennengelernt hatte, den Job bekommen hatte. Sie hatte sich sehr für sie gefreut, allerdings war ich mir selbst noch nicht ganz sicher, was ich davon halten sollte, mit einer Freundin meiner Schwester zusammenzuarbeiten. Bisher hatte so was immer nur zu Problemen zwischen uns geführt.

»Miss Derting weiß bereits, was zu tun ist«, fuhr Mr Strasse fort. »Lassen Sie es sich von ihr erklären. Und sollte es noch Fragen geben, wissen Sie ja, wo sie mich finden.«

Ich nickte, und er entriegelte die schwere Feuertür zum Magazin. Ich dankte ihm und trat in den von Leuchtstoffröhren erhellten Raum. Der Geruch nach Staub war hier unten um einiges intensiver und auch ein wenig modriger, als würde irgendwo in den Ecken des Kellers ein Wasserschaden lauern.

Ich wollte gerade nach Sage rufen, als sie hinter einem der Regale hervortrat. Und für einen Moment vergaß ich, was ich hatte sagen wollen. Das konnte nicht sein. Vor mir stand die Elfe aus dem Mädchenwohnheim, in Jeans und einem staubigen Top, das sich eng an ihren Körper schmiegte, der genauso zierlich war, wie ich ihn mir unter dem schlabbrigen T-Shirt vorgestellt hatte. Normalerweise erinnerte ich mich nicht an die Leute, die mir irgendwann mal auf dem Campus über den Weg gelaufen waren, dafür waren es einfach zu viele. Aber sie war mir im Gedächtnis geblieben. Nicht nur wegen ihres zauberhaften Aussehens, sondern vor allem wegen der Verunsicherung in ihrem Blick. Immer wieder hatte ich daran zurückgedacht und mich gefragt, warum sie so abwehrend auf mich reagiert hatte.

»Hey.« Ich hob zum Gruß die Hand, noch immer etwas irritiert von dem Zufall, der Sage und mich hier zusammengebracht hatte. »Bist du Sage?«, erkundigte ich mich, um sicherzugehen, dass keine Verwechslung vorlag.

Sie nickte, und auch jetzt konnte ich die Angst in ihren Gesichtszügen lesen, ohne sie mir erklären zu können.

»Ich bin Luca. Wir arbeiten zusammen an der Katalogisierung.«

Sages Augen weiteten sich. Sie starrte mich an, als wäre ich das personifizierte Böse und hätte ihr gerade vorgeschlagen, niedliche kleine Babykätzchen zu opfern.

Was war hier los? Ich hatte das Gefühl, irgendetwas Essenzielles verpasst zu haben, aber ich konnte beim besten Willen nicht sagen, was es war, und Sage war leider alles andere als redselig. Vielleicht war sie ja auch einfach nur krankhaft schüchtern. Erinnerte sie sich überhaupt an mich?

»Ich glaube, wir sind uns schon mal begegnet«, erklärte ich und trat einen Schritt auf sie zu, wobei ich die Hände in die Hosentaschen schob. »Im Wohnheim. Erinnerst du dich?« Ich versuchte es erneut mit meinem schiefen Grinsen, um ihrer Erinnerung auf die Sprünge zu helfen. Doch statt Erkenntnis flackerte nur Panik in ihren Augen auf. Und dann – rannte sie weg.

Sie rannte weg! In der einen Sekunde hatte sie noch wie angewurzelt vor mir gestanden und in der nächsten schlug sie einen Haken um mich und stürmte aus dem Magazin. Laut knallte die Tür hinter ihr zu. Was zum Teufel war hier los? Irritiert starrte ich in die Richtung, in die Sage verschwunden sah, und versuchte zu begreifen, was da gerade passiert war. Sollte ich auch wegrennen? Brannte es? Unsicher sah ich mich im Magazin um, aber alles war ruhig, bis auf das abnormal laute Surren des Computers. Merkwürdig.

Einige Sekunden blieb ich regungslos stehen, unsicher, was ich tun sollte. Ihr nachgehen? Besser nicht. Sie hatte nicht gerade den Eindruck gemacht, als würde sie viel Wert auf eine Unterhaltung mit mir legen. Und früher oder später musste sie sowieso wieder zurückkommen, schließlich lag ihre Tasche noch auf dem Boden neben dem Schreibtisch.

Ich sah mich im Magazin um und beschloss, ein paar Minuten zu warten. Wenn sie in einer Viertelstunde nicht zurück war, würde ich zu Mr Strasse gehen, damit er mir erklären konnte, was zu tun war. Ich setzte mich auf den Bürostuhl vor dem Schreibtisch, der unter meinem Gewicht gefährlich knarzte und wackelte, legte die Hände in den Nacken und starrte an die Decke, die von Rissen und Sprüngen durchzogen war. Ich verfolgte ihr Muster mit dem Blick, aber meine Gedanken schweiften immer wieder zu Sage und ihrer Reaktion auf mich ab. Ich verstand es – verstand sie – einfach nicht.

Minutenlang war ich alleine im Magazin, bis ich plötzlich hörte, wie die Tür in meinem Rücken geöffnet wurde. Ich zwang mich, nicht hinzusehen, um Sage nicht direkt wieder zu vertreiben. Mit einem leisen Klicken schloss sich die Tür wieder, und kurz darauf konnte ich ihren Blick auf meiner Haut spüren, die unter ihrer Musterung zu kribbeln begann. Für gewöhnlich wusste ich, was Frauen dachten, wenn sie mich ansahen, Sage‘ Gedanken allerdings waren mir ein Rätsel, und wenn ich ehrlich war, weckte das meine Neugierde. Ungeduldig wartete ich darauf, dass sie etwas sagte, aber sie schwieg. Schließlich hielt ich es nicht mehr aus und sah sie an.

Sie zuckte zusammen. Ihr Gesicht war kreidebleich.

Ich versuchte es mit einem weiteren Lächeln. Irgendwie musste ich sie doch von mir überzeugen können. »Wenn du das nächste Mal panisch wegrennst, wäre es nett zu wissen, warum. Ich dachte schon, es brennt.«

Sage presste die Lippen aufeinander und nickte. Besonders redselig war sie wirklich nicht. Eigentlich war das eine Eigenschaft, die ich an anderen Menschen schätzte, da ich es hasste, mit uninteressanten Fakten über Familie, Freunde und das Wetter gelangweilt zu werden. Sages Gedanken hingegen waren so laut und präsent im Raum spürbar, dass ich mir wünschte, sie würde sie einfach aussprechen.

»Wollen wir noch einmal von vorne anfangen?«, fragte ich und stand auf. Vorsichtig näherte ich mich ihr. »Hey, ich bin Luca«, stellte ich mich noch einmal vor und streckte ihr die Hand entgegen. Doch statt sie zu ergreifen, starrte Sage sie nur an. Vor allem das The-Flash-Tattoo schien es ihr angetan zu haben. »Du musst Sage sein. Wir arbeiten zusammen an der Katalogisierung.«

Sage richtet den Blick von meiner ausgestreckten Hand auf mein Gesicht und wieder auf meine Hand, als überlegte sie, ob sie danach greifen sollte. Schließlich schob sie die Hände in die Taschen ihrer Jeans. »Meine Hände sind staubig.«

Es waren die ersten Worte, die sie zu mir sagte, und ihre Stimme klang genauso wie in meiner Vorstellung. Sanft und glockenhell, wie dafür geschaffen, eine der epischen Passagen aus Herr der Ringevorzulesen.

»Mr Strasse meinte, er hätte dir schon alles erklärt.«

Sie nickte, sagte aber nichts.

»Und?«, fragte ich erwartungsvoll und verzog den Mund zu meinem typisch schiefen Lächeln, das hoffentlich dabei helfen würde, ihr ihre Unsicherheit zu nehmen. »Erklärst du es mir auch, oder muss ich raten?«

Sage schüttelte den Kopf und trat einen Schritt zurück, ohne mich aus den Augen zu lassen. Dabei stolperte sie über ihre eigenen Füße. Ich streckte die Arme aus, bereit, sie aufzufangen, doch sie fand ihr Gleichgewicht von selbst wieder und ging zu einem der Regale hinüber, um eine Kiste daraus hervorzuziehen.

Ich beobachtete sie, wobei mich die trockene Luft im Raum zum Husten brachte.

»Du nimmst dir einen Karton«, erklärte Sage mit eindringlichem Blick und ging zu einem offen stehenden Schrank hinüber, in dem sich etliche Katalogkarten aneinanderreihten.

Ich folgte ihr, darauf bedacht, genug Abstand zu halten, damit sie nicht wieder auf die Idee kam, wie ein aufgescheuchtes panisches Huhn davonzurennen.

»Dann suchst du die passenden Karten zu den Büchern heraus und gibst die Daten in den Computer ein.« Sie deutete auf das altertümliche Gerät, das so laut röchelte, als würde es jede Sekunde den Geist aufgeben. »Anschließend nummerierst du den Karton und hinterlegst die Zahl ebenfalls im System, damit der Inhalt schnell gefunden werden kann.«

»Das ist alles?«, frage ich.

Sie nickte, und einen Moment starrten wir einander an, ehe sie sich ihrer Kiste widmete und das erste Buch herausnahm, um die passende Katalogkarte herauszusuchen. Das war’s anscheinend mit unserer Unterhaltung gewesen.

Ich wandte mich ab und zog ebenfalls einen Karton aus dem Regal, den ich zum Schrank hinübertrug, wo ich ihn auf dem Boden abstellte, der mindestens seit Wochen, wahrscheinlicher aber seit Monaten nicht mehr gewischt worden war. Eine Staubwolke wirbelte auf und brachte mich erneut zum Husten. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie Sage neben mir zusammenzuckte. Gott sei Dank unternahm sie aber keinen weiteren Fluchtversuch.

Immerhin etwas.

Schweigend arbeiteten wir nebeneinander her, wobei ich mir Sages Aufmerksamkeit nur allzu bewusst war. Immer wieder blickte sie in meine Richtung, als wollte sie sichergehen, dass ich mich noch immer auf meiner Seite des Schranks befand. Jedes Mal, wenn ich in eine Schublade vor sie greifen musste, wich sie ein Stück zurück. Die Anspannung, die sie ausstrahlte, schien ihren Körper keine Sekunde zu verlassen. Vermutlich kam sie aus Iowa oder einem anderen hinterwäldlerischen Staat und befand sich das erste Mal seit ihrer Geburt außerhalb ihres Heimatdorfs. Anders konnte ich mir ihre Schüchternheit und Zurückhaltung nicht erklären.

Einige Male dachte ich darüber nach, eine Unterhaltung anzufangen, aber ich hatte beim besten Willen keine Ahnung, worüber ich mit ihr reden sollte. Flirten fiel mir leicht. In dem Fall hätte ich ihr ein Kompliment gemacht und mein schiefes Lächeln aufgesetzt. Aber ernsthafte Gespräche waren nicht mein Ding. Ich wünschte mir sehnlichst, April wäre hier. Sie war in diesen ganzen Kommunikationssachen viel besser als ich und hätte genau gewusst, was sie hätte sagen müssen, um der Situation die Spannung zu nehmen. Mein Kopf hingegen war wie leer gefegt, und das einzige Thema, das mir einfiel, waren Bücher. Aber was, wenn Sage überhaupt nicht las?

Schließlich gab ich es auf und konzentrierte mich stattdessen auf meine Arbeit. Doch gleichzeitig beschloss ich, einen Weg zu finden, Sage doch noch für mich zu erwärmen. Auf keinen Fall wollte ich, dass es für den Rest des Semesters so zwischen uns blieb.