»Bist du dir sicher, dass du nicht noch hierbleiben willst?«

Ich hielt in der Bewegung inne und drehte mich zu Sara um. Sie lag in ihrem Bett und beobachtete mich mit lustverhangenem Blick unter halb gesenkten Lidern. Ihre blonden Haare, die bei unserem Kennenlernen ordentlich gestylt gewesen waren, hingen ihr von unserer gemeinsamen Nacht zerzaust in die Stirn. Ich erinnerte mich daran, wie ich eine Handvoll der hellen Strähnen festgehalten hatte, während sie meine Erektion mit dem Mund bearbeitet hatte. Die Erinnerung daran ließ mein Glied zucken, was Sara nicht entging. Ein erotisches Lächeln trat auf ihre Lippen. Diese Frau war unersättlich. Es war gerade einmal eine Viertelstunde her, dass ich ihr den dritten Orgasmus innerhalb von zwölf Stunden verschafft hatte.

»Komm zurück ins Bett«, forderte sie.

»Sorry, ich hab schon was vor«, erklärte ich und sah mich nach meiner Boxershorts um. Sie lag auf dem Bett von Saras zukünftiger Mitbewohnerin, die noch nicht angereist war. Ihre Seite des Raumes war vollkommen unberührt, ganz im Gegensatz zu Saras, die sie wild dekoriert hatte. Die bunten Farben und verrückten Muster bereiteten mir Kopfschmerzen, und immer, wenn ich einen Blick auf die Bilder warf, die sie absichtlich schief an die Wand gehängt hatte, verspürte ich den unbändigen Wunsch, sie gerade zu rücken. Die Symmetrie klarer Linien und strukturierter Formen hatte schon immer eine beruhigende Wirkung auf mich gehabt. Nicht umsonst hatte ich mir ein geometrisches Muster über den ganzen Arm tätowieren lassen. Dieses Chaos hingegen konnte ich nicht ausstehen.

»Und was?« Sie richtete sich auf, wobei die Bettdecke, die sie über ihren Körper ausgebreitet hatte, herunterrutschte und ihre nackten Brüste entblößte.

Es waren schöne Brüste, die mich beinahe wieder schwach werden ließen, wären da nicht meine Prinzipien gewesen, an die ich mich eisern hielt. Eine Frau, eine Nacht – nicht mehr und nicht weniger –, und inzwischen war es schon Mittag, höchste Zeit also zu verschwinden.

»Ich treffe mich mit James«, erklärte ich, als wüsste sie, wen ich meinte. Und vermutlich kannte sie sogar einen James, wie fast jeder an der MVU, aber ich redete nicht von irgendeinem James, sondern von James Islington. Und statt ihn zu treffen, würde ich es mir mit seinem neuen Buch An Echo Of Things To Come, dem zweiten Teil der Licanius-Trilogie auf der Couch bequem machen. Ich hatte letzte Woche den ersten Band zu Ende gelesen.

»Verstehe.« Sara verzog die Lippen zu einem Lächeln, das jedoch nicht ihre Augen erreichte. »Und, lässt du mir deine Telefonnummer da? Vielleicht können wir das von letzter Nacht ja mal wiederholen.«

Ich unterdrückte ein Seufzen und gab mich mit einem Augenrollen zufrieden, das Sara nicht sehen konnte, da ich mir gerade mein Shirt über den Kopf zog. Ich wollte kein Arschloch sein. Wirklich nicht. Aber Frauen wie Sara machten es mir verdammt schwer, mich nicht wie eins zu benehmen. Ich gab mir alle Mühe, direkt und ehrlich mit ihnen zu sein. Ich machte von Anfang an klar, was ich wollte (einen One-Night-Stand) und was nicht (eine Bindung, egal ob Beziehung oder Freundschaft). Doch nach zwei oder drei Orgasmen schienen die meisten Frauen zu vergessen, dass sie meinen Bedingungen zugestimmt hatten, und dann musste ich wieder zum Bösen werden, dem herzlosen Kerl, über den sie hinterher mit ihren Freundinnen herzogen.

»Hör zu, Sara.« Ich drehte mich zu ihr um und fuhr mir mit einer Hand durch die blonden Locken. »Die Nacht war großartig und auch der Morgen heute, aber …«

»Du bist für nichts Langfristiges zu haben«, unterbrach sie mich und nickte langsam. »Das hab ich nicht vergessen, aber ich musste es einfach versuchen.« Sie zuckte mit den Schultern und ließ den Blick vielsagend über meinen Körper gleiten, als würde sie sich ins Gedächtnis rufen, wie ich unter meiner Kleidung aussah. »Aber falls du deine Meinung ändern solltest …«

»Weiß ich, wo ich dich finde«, beendete ich den Satz für sie, den ich schon Dutzende Male gehört hatte. Allerdings würde ich meine Meinung nicht ändern. Das hatte ich in den letzten sieben Jahren, seit ich angefangen hatte, mich für das andere Geschlecht zu interessieren, kein einziges Mal getan. Denn egal wie gut sie im Bett waren und wie nett sie als Menschen auch erschienen, sie waren das Risiko, verletzt und enttäuscht zu werden, einfach nicht wert.

Nachdem ich meine Sachen zusammengepackt hatte, warf ich einen kontrollierenden Blick in Saras Spiegel. Es musste ja nicht jeder, dem ich auf dem Nachhauseweg begegnete, gleich sehen, dass ich in der letzten Nacht Sex gehabt hatte. Nicht, dass mir das peinlich gewesen wäre, aber ich hasste die Vorurteile, die sich die Leute wegen solcher Dinge zusammensponnen. Allerdings würde ich heute wohl nicht darum herumkommen, denn Sara hatte mir unbemerkt einen Knutschfleck am Hals verpasst. Großartig.Damit war der Sex für die nächste Woche gelaufen. Keine Frau schlief mit einem Mann, der von einer anderen so eindeutig markiert worden war.

»Wir sehn uns«, sagte ich in Saras Richtung. Ich wollte nur noch so schnell wie möglich weg.

Eilig trat ich aus ihrem Zimmer, bereit, mich aus dem Mädchenwohnheim zu schleichen, in dem ich mich eigentlich gar nicht hätte aufhalten dürfen. Doch mein Plan, ungesehen davonzukommen, löste sich prompt in Luft auf. Nur wenige Schritte von Saras Tür entfernt stand eine Elfe.

Keine Ahnung, wieso mir sofort dieses Wort in den Sinn kam, aber es passt gut zu dem Mädchen, das wie erstarrt vor mir stand. Sie war zierlich gebaut mit schmalen Schultern und einer geraden Taille, die unter ihrem weiten Shirt kaum zu erkennen war. Das dunkle Haar fiel ihr glatt bis zum Kinn, und obwohl sie volle Lippen und rosige Wangen hatte, waren es vor allem ihre großen braunen Augen, die mich in ihren Bann zogen. Ich erkannte eine Verunsicherung darin, die mir nur allzu bekannt vorkam, denn ich verspürte sie selbst jedes Mal, wenn ich mit Leuten Gespräche führen musste, die über den üblichen Small Talk hinausgingen.

Als das Mädchen meinem Blick begegnete, sog sie scharf die Luft ein und drückte das Handtuch, das sie fest umklammert hielt, noch enger an die Brust. Sie wirkte verängstigt. Und das Wort Neuling stand ihr förmlich auf die Stirn tätowiert. Typisch Erstsemester.

Ich setzte ein schiefes Grinsen auf, von dem ich wusste, dass es seine Wirkung noch nie verfehlt hatte. Doch statt mein Lächeln zu erwidern, wurden die Augen des Mädchens noch größer und der Ausdruck darin noch ängstlicher. Zweifel stiegen in mir auf. Hatte ich etwas zwischen den Zähnen? Nein, das wäre mir im Spiegel aufgefallen.

Bevor die Situation noch merkwürdiger werden konnte, setzte ich mich in Bewegung und lief auf das Mädchen zu in Richtung Treppe, obwohl es mich in den Fingern juckte, sie nach ihrer Nummer zu fragen. Vielleicht hätten wir uns eine Nacht lang gegenseitig von unseren Unsicherheiten ablenken können. Aber ein neues Date auszumachen, wenn ich gerade mit einem eindeutigen Knutschfleck am Hals aus dem Zimmer einer anderen kam, wäre ziemlich schäbig, oder?

Während ich auf sie zulief, lies sie mich keine Sekunde aus den Augen. Ihr Blick zuckte über meinen Körper, aber nicht mit der Bewunderung, die ich von Sara und den anderen gewohnt war. Schließlich blieb sie an meinen Händen und der The-Flash-Tätowierung hängen, die ich mir erst kürzlich für meine Schwester April hatte stechen lassen. Der Ausdruck der Panik in ihrem Gesicht verfestigte sich. Ich begriff nur nicht, wieso. Sie hatte michbei etwas Verbotenem erwischt, nicht umgekehrt.

Eine Armlänge entfernt von ihr blieb ich stehen. Der süßliche Duft von Mango stieg mir in die Nase. »Du hast mich nicht gesehen«, flüsterte ich ihr zu, wie ein Geheimnis, in der Hoffnung, die Situation damit etwas aufzulockern.

Sie nickte jedoch nur abgehackt.

Dennoch lächelte ich sie dankbar an, aber sie reagierte noch immer nicht, wie erhofft. Scheinbar hatte ich all meinen Charme in der vergangenen Nacht verbraucht.

Mit einem kaum hörbaren Seufzen lief ich an ihr vorbei zur Treppe. Nach vier Stufen blieb ich stehen und drehte mich noch einmal zu dem Mädchen um. Sie stand noch immer wie angewurzelt im Gang. Ob es ihr gut ging? Einen Moment überlegte ich, umzukehren und sie genau das zu fragen. Doch dann musste ich an ihren erschrockenen Gesichtsausdruck denken und entschied mich, dass es wohl besser wäre zu gehen. Und das tat ich.